Wer in den vergangenen Monaten in Nordthüringen versucht hat, einen neuen ISDN-Anschluss zu bestellen, hat vermutlich eine ernüchternde Antwort bekommen: Es geht schlicht nicht mehr. Die Netzbetreiber ziehen sich konsequent aus der klassischen ISDN-Technik zurück und stellen komplett auf IP-basierte Netze um. Für Unternehmen mit einer noch laufenden ISDN-Telefonanlage heißt das: Der Umstieg auf VoIP ist keine Frage des Ob mehr, sondern nur noch des Wann.

Warum ISDN überhaupt verschwindet

ISDN ist eine leitungsvermittelte Technik, die auf einer eigenen, separaten Infrastruktur neben dem klassischen Internetanschluss beruht. Diese doppelte Infrastruktur zu betreiben und zu warten, ist für Netzbetreiber zunehmend unwirtschaftlich, während die Nachfrage nach klassischen ISDN-Anschlüssen kontinuierlich sinkt. Der Umstieg auf All-IP-Netze bündelt Telefonie und Datenverkehr auf einer einzigen Infrastruktur – aus Anbietersicht schlicht effizienter.

Was das für Ihre bestehende Telefonanlage bedeutet

Ob Ihre bestehende Telefonanlage nach der Umstellung weiterverwendet werden kann, hängt vom Modell ab. Manche ISDN-Anlagen lassen sich über ein sogenanntes Media-Gateway – einen Adapter zwischen klassischer Anlagentechnik und IP-Anschluss – weiterbetreiben, was oft die günstigste kurzfristige Lösung ist. Ältere, rein analoge oder stark ISDN-spezifische Anlagen sind dagegen häufig technisch nicht kompatibel und sollten durch eine moderne IP-fähige Anlage ersetzt werden, statt eine aufwändige, aber letztlich nur kurzfristig taugliche Übergangslösung zu finanzieren.

Klassische Anlage, Cloud-Telefonanlage oder Hybrid?

Bei der Umstellung lohnt sich die grundsätzliche Überlegung, welches Anlagenmodell zu Ihrem Unternehmen passt. Eine klassische IP-Telefonanlage steht weiterhin als Hardware in Ihrem Haus – vertraute Kontrolle über die eigene Technik, aber auch eigene Wartungsverantwortung. Eine Cloud-Telefonanlage läuft komplett bei einem Anbieter im Rechenzentrum und wird über das Internet genutzt: praktisch bei mehreren Standorten, wachsenden Teams oder häufigem Homeoffice, weil sich neue Nebenstellen ohne zusätzliche Hardware einrichten lassen. Manche Unternehmen entscheiden sich für ein Hybridmodell mit lokaler Basis-Infrastruktur und Cloud-Anbindung für einzelne Standorte.

Der eigentliche Umstellungsprozess

Der Weg von ISDN zu VoIP läuft in der Praxis über einige klar abgrenzbare Schritte. Zunächst wird erfasst, welche Rufnummern, Nebenstellen und angeschlossenen Sondergeräte – Faxgeräte, Alarmanlagen, EC-Terminals – überhaupt betroffen sind. Anschließend wird ein SIP-Trunk beim neuen Anbieter bestellt und die bestehenden Rufnummern zur Portierung angemeldet, was üblicherweise mehrere Wochen Vorlaufzeit braucht. Die neue Anbindung wird dann parallel zur bestehenden getestet, bevor am eigentlichen Umstellungstag final umgeschaltet wird – idealerweise außerhalb der Hauptgeschäftszeiten, um Störungen zu minimieren.

Rufnummernmitnahme – der Punkt, der die meiste Sorge auslöst

Die häufigste Sorge bei Unternehmern: Verliere ich meine bekannte Telefonnummer? In aller Regel nicht. Rufnummern lassen sich zum neuen VoIP-Anschluss portieren, sodass Kunden und Geschäftspartner unter derselben Nummer erreichbar bleiben. Wichtig ist lediglich, die Portierung mit ausreichend Vorlauf zu beantragen – wird sie erst kurz vor Ablauf der Kündigungsfrist des alten Anschlusses angestoßen, kann es zu einer kurzen Unterbrechung kommen, die sich bei früherer Planung vollständig vermeiden lässt.

Sonderfälle: Fax, EC-Terminal und Alarmanlage

Neben der reinen Sprachtelefonie hängen an vielen ISDN-Anschlüssen weitere Geräte, die bei der Umstellung mitgedacht werden müssen. Faxgeräte lassen sich über Fax-over-IP-Profile weiterbetreiben, laufen darüber aber nicht immer so zuverlässig wie über die klassische Leitung – für viele Betriebe ist der Umstieg auf eine E-Mail-Fax-Lösung inzwischen die robustere Alternative. Ältere EC-Kartenterminals oder Alarmanlagen, die über die Telefonleitung angebunden sind, brauchen häufig eine gesonderte technische Prüfung oder ein Zusatzmodul. Wer diese Sondergeräte erst am Umstellungstag entdeckt, statt sie vorab zu erfassen, erlebt hier regelmäßig unangenehme Überraschungen.

Was sich bei der Sprachqualität ändert

Die Sprachqualität über VoIP hängt direkt von einer stabilen, ausreichend dimensionierten Internetanbindung ab. Wird dieselbe Internetleitung auch für normalen Datenverkehr genutzt, sollte die Telefonie priorisiert werden (Quality of Service), damit ein großer Datei-Download nicht mitten im Kundengespräch zu Aussetzern oder Verzögerungen führt. Bei einer guten, für Sprachtelefonie mitgedachten Konfiguration ist die Sprachqualität über VoIP heute in der Praxis kaum noch von klassischem ISDN zu unterscheiden.

Der technische Hintergrund: von ISDN zu All-IP

Die Abschaltung von ISDN ist kein Einzelfall, sondern Teil der bundesweiten Umstellung auf All-IP. Die Deutsche Telekom hat das klassische ISDN-Netz bereits ab Ende 2018 weitgehend abgeschaltet und die Telefonie ins moderne Next Generation Network (NGN) überführt. Statt eigener Sprachkanäle über einen ISDN-Telefonanschluss läuft die Telefonie heute als IP-Telefonie – also Voice over IP (VoIP) – über die vorhandene Internetverbindung. Der Weg vom ISDN zu VoIP betrifft praktisch jedes Unternehmen, das noch eine ISDN-Telefonanlage betreibt.

Für die Praxis heißt das: Ihre Gespräche laufen künftig über Router und Internetanschluss statt über eine separate Telefonleitung. Wie viele Gespräche gleichzeitig möglich sind, hängt dann nicht mehr an festen Sprachkanälen, sondern an der Bandbreite und Konfiguration Ihres Anschlusses – bei einer guten Anbindung sind das in der Regel deutlich mehr parallele Gespräche als beim alten ISDN.

Lokale VoIP-Anlage oder Telefonanlage aus der Cloud?

Beim Umstieg von ISDN auf All-IP stehen zwei Wege offen. Bei der ersten Variante behalten Sie eine eigene, lokale Telefonanlage (TK-Anlage) im Haus, die per VoIP an den neuen Anschluss angebunden wird – oft lässt sich eine bestehende, IP-fähige Anlage behalten. Bei der zweiten Variante nutzen Sie eine virtuelle Telefonanlage: eine Telefonanlage in der Cloud, bei der die gesamte Technik beim Anbieter liegt und Sie nur noch Endgeräte oder ein Softphone auf dem Computer benötigen. Die Cloud-Telefonanlage ist besonders flexibel und skalierbar, weil sich Nebenstellen einfach hinzufügen lassen und kein eigener Wartungsaufwand für die Anlagentechnik anfällt.

Typische Fehler beim Umstieg

Aus der Begleitung zahlreicher Umstellungen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Probleme entstehen fast immer dann, wenn die Umstellung erst kurzfristig unter dem Druck der Zwangsabschaltung angegangen wird, statt mit ausreichend Vorlaufzeit. Zu knapp bemessene Portierungsfristen, unentdeckte Sondergeräte und eine nicht geprüfte Internetbandbreite sind die häufigsten Ursachen für einen holprigen Umstellungstag – alle drei lassen sich mit rechtzeitiger Planung vollständig vermeiden.

Mobilintegration und moderne Zusatzfunktionen

Ein oft übersehener Vorteil des Umstiegs auf VoIP ist die Möglichkeit, Mobiltelefone als vollwertige Nebenstellen in die Telefonanlage einzubinden. Mitarbeitende können dadurch unter der Firmenrufnummer erreichbar sein, egal ob sie am Schreibtisch oder unterwegs sind, ohne dass Anrufer den Unterschied bemerken. Auch Funktionen wie automatische Anrufweiterleitung, Voicemail-to-Email oder eine zentrale Erreichbarkeitssteuerung für mehrere Standorte lassen sich mit modernen VoIP- oder Cloud-Telefonanlagen deutlich einfacher umsetzen als mit klassischer ISDN-Technik.

Was wir für Sie übernehmen

Wir begleiten die komplette Migration von der Bestandsaufnahme über die Anbieter- und Anlagenauswahl bis zur technischen Umsetzung und Einweisung Ihres Teams. Mehr zu unserer Herangehensweise und den typischen Ablaufschritten finden Sie auf unserer Seite VoIP-Umstellung für Unternehmen. Wer über die reine ISDN-Ablösung hinaus über eine grundsätzliche Modernisierung der Telefonanlage nachdenkt, findet auf Telefonanlagen & VoIP einen Überblick über unsere Lösungen für Unternehmen in der Region.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • ISDN wird bundesweit abgeschaltet, Netzbetreiber stellen komplett auf All-IP um
  • Bestehende Anlagen lassen sich teils per Adapter weiterbetreiben, oft ist eine moderne IP-Anlage die bessere Lösung
  • Rufnummern lassen sich in aller Regel problemlos zum neuen Anschluss mitnehmen
  • Sondergeräte wie Fax, EC-Terminal oder Alarmanlage brauchen gesonderte Prüfung
  • Frühzeitige Planung verhindert die häufigsten Probleme beim Umstellungstag

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JT
Stephan Tacke
Inhaber · Thümedien IT-Service Nordhausen

Seit über 30 Jahren IT-Dienstleister in Nordthüringen. Spezialisiert auf Praxis-IT, Telematikinfrastruktur und KBV-Sicherheitsrichtlinie. Betreut Arztpraxen vor Ort und deutschlandweit per Fernwartung.